Gastbeitrag von Patrick Zasada

Patrick Zasada ist Gravel und Bikepacking Youtuber und seit Jahren auf langen, schnellen und oft sehr unterschiedlichen Touren unterwegs. Er war mit leichtem Gepäck in den Alpen, beim Badlands Rennen, auf dem Weg zum Nordkap und bei winterlichen Bedingungen bei bis zu -24°C unterwegs. Wer so viel Zeit mit Taschen, Wetter, langen Tagen im Sattel und echten Improvisationsmomenten verbringt, merkt schnell, dass viele klassische Bikepacking Packlisten am Schreibtisch ganz vernünftig aussehen, draußen aber erstaunlich oft an der Realität vorbeigehen. In diesem Beitrag geht es um die Frage, warum das so ist, wie leichtes Packen in der Praxis wirklich funktioniert und weshalb ein gutes System auf längeren Touren deutlich mehr bringt als irgendeine Standardliste aus dem Internet.

Schottland zeigte mir die Relevanz wasserdichter Taschen

Es gibt Touren, die jede gemütliche Vorstellung von Abenteuer in kürzester Zeit hinfällig werden lassen. Schottland gehörte bei mir ziemlich eindeutig zu dieser Sorte.

Sieben Tage Regen am Stück verlangen definitiv etwas von der Ausrüstung ab. Nach ein paar Tagen auf dem Bike denkt niemand mehr darüber nach, was zuhause noch sicher wirkte. Dann zählt nur noch, was draußen wirklich funktioniert. Spätestens nach drei Tagen hatten wir alle diese aufgeweichten Hände, als hätte man zu lange in der Badewanne gelegen. Schrumpelhaut wurde quasi zum Teil des Setups.

Richtig spannend wurde es bei den Taschen. Bei meinen Kollegen stand irgendwann Wasser im Gepäck. Der elektronische Autoschlüssel war tot, Powerbanks ebenfalls, Kopfhörer hatten innerlich wohl schon abgeschlossen und selbst Reisepässe sahen aus, als hätten sie eine sehr harte Woche hinter sich. Ich war hingegen mit Cyclite Taschen unterwegs und da blieb alles trocken. In solchen Situationen zeigt sich, was eine Tour aushält und worauf es beim Packen wirklich ankommt.

Genau an diesem Punkt geraten viele Bikepacking Packlisten ins Rutschen. Am Bildschirm wirken sie vollständig und beruhigend. Draußen, mit Regen, Müdigkeit und Dreck trennen sich dann ziemlich schnell Ordnung von Praxistauglichkeit.

Ich hatte ganze Ordner voller Packlisten gespeichert

Sommer. Winter. Regen. Overnighter. Rennen. Lange oder kurze Touren. Mit Zelt. Ohne Zelt…

Ich hatte irgendwann so viele Packlisten in meinen Notizen, dass man meinen konnte, das Thema sei längst gelöst. Vor fast jeder Tour lief trotzdem dieselbe Schleife wieder an. Vergleichen, streichen, ergänzen, umsortieren, noch einmal drüber schauen. Und am Ende blieb oft genau dieses Gefühl, das man vor dem Losfahren eigentlich nicht haben will. Die Liste sah ordentlich aus, aber ich hatte stets das Gefühl irgendwas vergessen zu haben.

Das ist im Grunde auch kein Wunder. Eine Alpenüberquerung hat mit Badlands ungefähr so viel gemeinsam wie ein Espresso mit einer Thermoskanne Filterkaffee. Eine Tour zum Nordkap folgt einer anderen Logik als ein paar Tage durch Mitteleuropa. Und wer von Frankfurt nach Marokko will, merkt wie wenig Standardlisten mit echter Praxis zu tun haben. Ein Solarpanel war für mich lange komplett egal. Auf genau dieser Strecke bekam es plötzlich einen sehr konkreten Nutzen.

Viele klassische Packlisten tun so, als wären Touren im Kern ähnlich und würden sich nur in ein paar Details unterscheiden. In Wirklichkeit prägen genau diese Details das ganze Setup. Wetter, Versorgung, Schlafsetup, Region, Temperatur, Streckenprofil, persönlicher Komfortanspruch. Daraus entsteht am Ende eben nicht dieselbe Tour mit kleinen Abweichungen, sondern oft eine komplett andere Aufgabe.

Viel Gepäck klingt zuhause vernünftig, fährt sich am Berg aber miserabel

Die meisten Bikepacker packen nicht zu viel ein, weil sie planlos sind. Eher im Gegenteil. Dahinter steckt oft der Wunsch, gut vorbereitet zu sein. Niemand möchte irgendwo im Nirgendwo feststellen, dass ausgerechnet dieses eine Teil doch sinnvoll gewesen wäre. Also wandern lieber noch ein paar Dinge zusätzlich in die Taschen.

Gerade im Gebirge bekommt Vorsicht sehr schnell Gewicht. Und genau so verlieren viele Touren ihre Leichtigkeit. Durch viele kleine Entscheidungen, die einzeln harmlos wirken und zusammen richtig nerven.

Das Gemeine daran ist, dass unnötiges Gewicht selten über einen großen, offensichtlichen Fehler entsteht. Es kommt über lauter Kleinigkeiten ans Rad. Ein Kulturbeutel. Ein Kocher. Ein zu schwerer Geldbeutel. Noch eine Hülle. Vielleicht eine weitere Schicht, die eventuell ganz nett wäre. Einzeln wirkt es wie Kleinkram, aber alles zusammen macht die Tour schwerer als sie sein müsste.

ultraleichte Bikepacking Packliste

Warum ultraleichtes Packen sinnvoll ist

Über ultraleichte Ausrüstung wird oft so gesprochen, als müsste man sich damit irgendwas beweisen. Möglichst wenig mitnehmen und möglichst kompromisslos wirken. In der Praxis ist das Thema viel nüchterner.

Was braucht diese Strecke wirklich und was hängt nur deshalb am Bike, weil man es aus Gewohnheit mitnimmt?

Auf meiner ersten Bikepacking Tour nach Portugal hatte ich beispielsweise einen Campingkocher dabei. Sorgfältig eingepackt, aber komplett nutzlos. Ich habe ihn nicht ein einziges Mal benutzt. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie unnötiges Gewicht entsteht. Dinge wirken selbstverständlich, weil sie auf allen Listen immer wieder auftauchen oder weil man sie innerlich fest mit dem Begriff Tour verbunden hat.

Ähnlich läuft es mit vielen Kleinigkeiten. Der dicke Geldbeutel fährt mit, obwohl am Ende Ausweis, Karte und etwas Bargeld reichen. Ein Kulturbeutel bekommt seinen Ehrenplatz, obwohl Zahnbürste und Zahnpasta in einen simplen Zipp-Beutel passen würden. Verpackungen und Hüllen bleiben dabei, weil sie im Alltag normal sind. Auf dem Rad häufen sie vor allem Volumen und Gewicht an.

Und genau da liegt ein riesiger Hebel. Fast jeder kann sofort Gewicht sparen, ohne ein einziges neues ultraleichtes Teil zu kaufen. Viele könnten auf Anhieb mehrere Kilo aus ihrem Setup streichen. Einfach, indem sie jedes einzelne Teil einmal ehrlich anschauen und sich fragen, warum es überhaupt mitkommt. Weglassen ist oft die günstigste Form der Optimierung. Und meistens vermisst man die weggelassenen Dinge unterwegs nicht einmal.

Gute Packentscheidungen beginnen mit einfachen Fragen

Packen beginnt mit einer kleinen gedanklichen Inventur.

Wo fahre ich wirklich und wie gut ist die Versorgung unterwegs

Wer z.B. durch Österreich fährt, bewegt sich durch eine andere Welt als jemand in Lappland oder Zentralspanien. In dicht besiedelten Regionen lässt sich vieles unterwegs lösen. Nachkaufen, improvisieren, umplanen. In dünn besiedelten Gegenden bekommen Wasser, Verpflegung, Stromversorgung und freie Kapazität in den Taschen plötzlich eine ganz andere Relevanz.

Auf dem Weg zum Nordkap war genau das für mich entscheidend. Mein eher leichtes Grundsetup war dort nicht nur angenehm, sondern praktisch. In Lappland war der Platz in den Taschen plötzlich wertvoller als irgendein zusätzliches Teil. Ich konnte Lebensmittel für mehrere Tage mitnehmen, eben weil ich mit halb leeren Taschen losgefahren bin.

Wie schlafe ich wirklich

Auch das Schlafsetup entscheidet enorm viel. Ich nehme heute längst nicht mehr automatisch ein Zelt mit. Wenn Schutzhütten realistisch sind und mein Biwak-Setup passt, bleibt das Zelt oft daheim. Wenn längerer oder kräftiger Regen zu erwarten ist, sieht die ganze Sache anders aus. Allein diese eine Entscheidung verändert Gewicht, Volumen und Fahrgefühl spürbar.

Da hängt auch viel Gewohnheit drin. Viele schleppen beim Schlaf-Setup Dinge mit, die früher vielleicht einmal sinnvoll waren, für die konkrete Tour aber kaum Mehrwert bringen. Gerade dort sitzt oft erstaunlich viel Einsparpotenzial.

Was muss tagsüber erreichbar bleiben?

Riegel, Essen, Smartphone und Kamera will ich immer gut erreichen können. Alles andere darf in Ruhe dort liegen, wo es bis zum Abend niemanden stört. Gerade auf langen Tagen spart diese Zugriffsebene unglaublich viel Energie. Wer ständig wühlt, anhält, umpackt und sucht, verliert irgendwann nicht nur ein paar Minuten, sondern auch die Laune.

Welche Risiken prägen diese Tour tatsächlich

Jede Strecke hat ihr eigenes Risiko. Eine Sommertour in Deutschland verlangt andere Entscheidungen als der Herbst in Lappland mit längeren Versorgungslücken. Gute Packentscheidungen entstehen, wenn man diese Realität berücksichtigt und mit einem passenden Setup begegnet.

Was in welche Tasche gehört, entscheidet oft darüber, wie sich der ganze Tag anfühlt

Statt über Gegenstände nachzudenken, würde ich zuerst mit der Verteilung anfangen. Denn ein Rad fährt sich dann gut, wenn Gewicht, Inhalt und Zugriff logisch zusammenpassen.

Saddle Bag für Kleidung

In meine Saddle Bag kommen Klamotten. Also Dinge, die eher leicht und voluminös sind und tagsüber keine große Rolle spielen. Dort nutzen sie den Platz gut und sitzen für mich genau richtig. Sollte ich dennoch einen Fleece Pulli oder meine Regenjacke benötigen, komme ich dennoch schnell genug ran.

Frame Bag für Akkus, Werkzeug und andere kompakte Dinge

In die Frame Bag wandern Akkus, Werkzeug, Geld und kompakter Kleinkram. Alles, was etwas dichter und schwerer ist, sitzt dort nah am Schwerpunkt. Genau das macht das Rad ruhiger.

Top Tube Bag für Snacks und Handy

Die Top Tube Bag ist für alles reserviert, woran ich während der Fahrt schnell herankommen will. Beispielsweise Müsliriegel oder mein Handy.

Handle Bar Roll oder Aero Bag

Wenn ich mehr Platz brauche, kommt die Handle Bar Roll Bag dazu. Dort landen Isomatte, Zelt und Schlafsack, also Dinge, die tagsüber in Ruhe drinnen bleiben dürfen. Wenn ich nur mit Schlafsack unterwegs bin, in Schutzhütten biwakiere und kein volles Schlaf-Setup benötige, nehme ich lieber die Aero Bag. Dann ist vorne Platz für Essen oder für Dinge, die ich gelegentlich brauche, ohne ständig danach zu greifen.

Ein logisch gepacktes Bike fährt ruhiger, bleibt berechenbarer und spart auf langen Tagen spürbar Kraft. Wer einmal erlebt hat, wie angenehm ein stimmig beladenes Rad durch einen langen Tag läuft, betrachtet das Taschen packen viel genauer.

Kleidung, Kocher und Kleinkram blähen viele Setups auf

Kleidung ist wahrscheinlich der Bereich, in dem besonders oft zu großzügig gedacht wird. Viele packen für jede denkbare Version ihrer selbst. Die frische Version. Die frierende Version. Die nasse Version. Die Version, die abends vielleicht doch noch halbwegs geschniegelt irgendwo sitzt. Auf Tour ist das Leben meistens deutlich schlichter. Es wird gewaschen, improvisiert und mit erstaunlich wenig erstaunlich gut gelebt.

Ich habe über die Jahre gemerkt, dass ich selbst bei Kälte mit weniger auskomme, als viele spontan erwarten würden. Bei -24°C im Januar war mein Setup überraschend schlank. Wobei man fairerweise sagen muss, dass ich bei Temperaturen, bei denen andere noch über Thermounterwäsche nachdenken, oft schon im T-Shirt herumstehe.

Jede Tour ist anders

Genau hier wird die Schwäche klassischer Standardlisten besonders sichtbar…

Badlands extrem minimal mit 1,1 Kg

Für Badlands war ich extrem minimalistisch unterwegs. Etwa 1,1 Kg. Das war schnell, reduziert und in einer Hinsicht vielleicht einen Tick zu riskant, weil die Nacht am Ende kälter wurde, als ich es gern gehabt hätte. Solche Erfahrungen schärfen das Gefühl dafür, wo die eigene Grenze liegt.

Alpenüberquerung mit leichten 3,5 Kg

Für eine leichte Alpenüberquerung lande ich eher bei etwa 3,5 Kg. Das fühlt sich für mich oft sehr stimmig an. Viel Effizienz, viel Beweglichkeit und genug Spielraum für das, was unterwegs realistisch gebraucht wird. Gerade im Gebirge zahlt sich jedes Kilo aus, das nicht sinnlos mitfährt.

Schlechtwetter Setup mit 6 Kg

Wenn Regen, volles Schlafsetup und rauere Bedingungen absehbar sind, lande ich eher bei 5 bis 6 Kg. Auch das kann ein sehr gutes Setup sein. Dies ergibt Sinn, wenn die Tour genau das verlangt. Das Gewicht folgt stets der Strecke und nicht irgendeinem abstrakten Ideal.

Ich wollte nicht jedes Mal denselben Denkprozess durchkauen

Genau daraus ist mein Packlisten Generator entstanden. Ich hatte irgendwann einfach keine Lust mehr, vor jeder Tour wieder mehrere Notizen zu öffnen, alte Listen zu vergleichen, Dinge umzubauen, Teile zu streichen, andere wieder hinzuzufügen und am Ende trotzdem mit einer kleinen Restunsicherheit loszufahren.

Der Kern meines Tools ist ein Fragebogen aus Tour-Charakter, Region, Jahreszeit, Schlaf-Setup und Komfortanspruch. Daraus entsteht eine Packliste, die sich an die konkrete Tour anpasst. Für mich liegt genau dort der eigentliche Mehrwert. Die Vorbereitung wird klarer, schneller und deutlich entspannter. Und der Kopf ist vor dem Start schon ein gutes Stück freier.

Wer seine Ausrüstung passend zur eigenen Tour zusammenstellen möchte, findet hier den Packlisten Generator:

Bikepacking Packliste

Ein gutes Setup spart Gewicht, Zeit und mentale Kapazitäten

Weniger Gepäck spürt man am Rad sofort. Bergauf, beim Beschleunigen, in ruppigen Passagen und nach vielen Stunden im Sattel. Gleichzeitig verändert sich noch etwas anderes. Der Kopf wird ruhiger. Jede unnötige Sache will verstaut, geschützt, wiedergefunden und innerlich mitverwaltet werden. Ein stimmiges Setup nimmt genau diese mentale Reibung aus der Tour heraus.

Am Ende geht es bei einer guten Bikepacking Packliste darum, Strecke, Bedingungen und eigene Fahrweise ernst zu nehmen. Daraus entsteht ein Setup, das sich unterwegs richtig anfühlt. Es spart Gewicht, spart Zeit, macht das Rad ruhiger und den Kopf freier.

Wenn du dir dafür eine eigene, anpassbare Lösung zusammenstellen möchtest, kannst du hier deine Packliste erstellen.

Bikepacking Packliste als PDF erstellen.

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